Gemeinsames Lernen in Corona-Zeiten

"Schulische Inklusion lebt vom Miteinander, vom gemeinsamen Lernen und Erleben. Diese Offenheit muss auch in Corona-Zeiten gelten." Das betont die Landesvorsitzende der Lebenshilfe Bayern, Barbara Stamm, zu Beginn des neuen Schuljahres in einem Gastkommentar in der "Mittelbayerischen Zeitung".

Barbara Stamm setzt sich für gemeinsames Lernen von Kindern ohne und mit Behinderungen ein. (Foto: privat)

Barbara Stamm setzt sich für gemeinsames Lernen von Kindern ohne und mit Behinderungen ein. (Foto: privat)

"Die Schulschließungen in den vergangenen Monaten haben uns allen überdeutlich gemacht: Kinder brauchen Kinder. Sie brauchen das soziale Miteinander, die unmittelbare Erfahrung, den direkten Kontakt zueinander und natürlich auch zu ihren Lehrerinnen und Lehrern.

Seit vielen Jahren zeigen zahlreiche inklusive Projekte von Förderschulen der Lebenshilfen in Bayern und Grundschulen außerdem: Je vielfältiger eine Gruppe ist, umso mehr können die Kinder voneinander lernen. Sich direkt zu begegnen, miteinander aufzuwachsen, schafft im besten Fall Verständnis füreinander und eine Offenheit und auch Gelassenheit anderen, dem Anderssein, gegenüber. Das ist wesentlich für die Zukunft einer sozialen und demokratischen Gesellschaft.

Die Schulen haben vor den Sommerferien wieder aufgemacht. Doch durften Kinder aus unseren Förderschulen ihren Mitschülerinnen und Mitschülern aus den Partnerklassen der Grundschulen nicht mehr begegnen, nicht im Unterricht, nicht in den Pausen.

Zur großen Freude auf die Schule, auf das Wiedersehen, auf das gemeinsame Lernen, kam die Enttäuschung. Die Klassen wurden halbiert. Das war wegen Corona nachvollziehbar. Doch weder für die Kinder, noch für die Eltern und Lehrkräfte war nachvollziehbar, dass die Gruppen ausschließlich aus Kindern mit geistiger Behinderung oder ohne bestehen mussten. Manche Schulämter haben sogar gemeinsame Abschlussfeiern im Freien verboten, obwohl die Schulen natürlich alle Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten haben.

Es gibt aus Sicht der Lebenshilfe keinen Grund für diese Abgrenzung nach behindert oder nicht behindert. Dennoch wird es Schulen geben, die im neuen Schuljahr keine Partnerklassen mehr anbieten werden. Die Bereitschaft, Kindern gemeinsames Lernen zu ermöglichen, ist gesunken.

Ohne Partnerklassen bricht eine wichtige Säule der schulischen Inklusion weg. Diese Klassen sind erfolgreiche Beispiele dafür, dass ein Miteinander von Kindern ohne und mit Behinderungen gelingen und für alle Beteiligten und unsere gesamte Gesellschaft ein großer Gewinn sein kann. Deshalb darf es im neuen Schuljahr solche Abgrenzungen nicht mehr geben.

In Zeiten von Corona müssen wir alle den gebotenen Abstand halten, Masken tragen und Hygieneregeln beachten. Es gibt keinen Grund dafür, warum Kinder mit und ohne Behinderungen das nicht gemeinsam tun können."

Gastkommentar in der "Mittelbayerischen Zeitung"

Die sogenannte Außenansicht "Inklusion: Kinder nicht ausgrenzen" wurde kurz vor Beginn des neuen Schuljahres in der gedruckten Ausgabe der "Mittelbayerischen Zeitung" am Samstag, 5. September 2020, veröffentlicht. Die Online-Version vom 3. September 2020 finden Sie hier.